Geistliches Wort

Liebe Besucherin, lieber Besucher,

der Spruch für den Monat September berührt auf den ersten Blick einen Nerv unserer Zeit. Doch auch schon im Alten Orient lebten Menschen offenbar mit der Vorstellung: „Mehr ist besser. Mehr Erfolg, mehr Anerkennung, mehr Besitz, mehr Erlebnisse.“ Doch ein alttestamentlicher Vers aus dem Buch Prediger stellt eine überraschende Gegenrechnung auf:

„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach dem Wind.“

Dieses Bild ist stark. Es sagt: Die eine Hand ist nicht leer. Sie hält etwas. Doch hält sie nicht alles fest. Sie bleibt offen genug für Ruhe, Dankbarkeit und Leben. Die beiden Fäuste dagegen sind voll – und doch verkrampft. Die Botschaft ist auch hier klar: Wer beide Hände zum Festhalten braucht, kann nichts mehr empfangen.

Damit beschreibt der Vers etwas zutiefst Menschliches: Wir jagen oft Dingen nach, die wir nie ganz erreichen. Mehr Geld etwa erzeugt den Wunsch nach noch mehr Geld. Mehr Anerkennung weckt die Angst, sie wieder zu verlieren. Es ist wie „Haschen nach dem Wind“ – man strengt sich an, aber der Wind lässt sich nicht greifen.

Ich denke bei diesen Gedanken an den berühmten Psychologen C. G. Jung. Er hätte vielleicht gefragt: Wem gehört eigentlich die Stimme in mir, die immer mehr verlangt? Ist es wirklich mein tiefstes Selbst – oder meine Persönlichkeit, die ihren Wert ständig beweisen muss? Manchmal merken Menschen erst in der Lebensmitte, dass sie vieles erreicht haben und dennoch eine innere Leere spüren. Dann stellt sich die Frage: Habe ich mein Leben gelebt oder nur einer Vorstellung von Erfolg gedient bzw. auf innere Treiber gehört, die vor Jahrzehnten andere in mich hinein eingepflanzt haben? Gerade zum Erntedankfest, wenn die Geschichte vom reichen Kornbauer im Gottesdienst gelesen wird, werden wir mit dieser Frage konfrontiert.

Übrigens: Christlich betrachtet lobt der Prediger nicht die Untätigkeit. Ihm geht es eher darum, die innere Haltung zu überdenken: Es gibt ein Arbeiten aus der soeben beschrieben Getriebenheit und ein Arbeiten aus Vertrauen. Das eine baut auf die Illusion, alles selbst sichern zu müssen, das andere darauf, dass Gott selbst seinen Segen bei allem Tun und Lassen schenkt.

Im Namen des Kirchenvorstandes sowie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Ihr Pfarrer Jan Schober

Monatsspruch August

„Jesus Christus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

Johannes 10,10

Monatsspruch September

„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“

Prediger 4,6

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